Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Münster

Ohne Hilfe des Staates

Prof. Theresia Theurl ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der WWU Münster.

Genossenschaften sind realwirtschaftlich verankert und nicht finanzmarkt-getrieben, was gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise sehr positiv ist.

Die Mehrheit der Deutschen schätzt Genossenschaften – sehr sogar. Sie loben vor allem deren eher langfristige und nachhaltige Ausrichtung, eine gewisse Bodenständigkeit sowie Zuverlässigkeit. Im Vordergrund aber steht, dass Genossenschaften zum Wohl ihrer Mitglieder handeln müssen. Dies sind die wesentlichen Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Instituts für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Insofern ist es folgerichtig, dass die Vereinten Nationen 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen haben, um auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften und auf ihre besonderen Merkmale aufmerksam zu machen.

Genossenschaften sind in. Auch in Deutschland werden wieder mehr Genossenschaften gegründet, vor allem in zukunftsorientierten und wachsenden Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. So etwa der Energiebranche, dem Gesundheitswesen und der Infrastruktur oder vielen Dienstleistungssparten und dem Handwerk. Volksbanken und Raiffeisenbanken, Wohnungsgenossenschaften, viele gewerbliche, manche landwirtschaftliche Genossenschaften haben eine bereits jahrhundertalte Tradition. Etwa 7 500 Genossenschaften, die 800 000 Mitarbeiter beschäftigen, zählen rund 20 Millionen Mitglieder, also Eigentümer. Die Zahl genossenschaftlicher Eigentümer beträgt etwa das Fünffache der Aktionäre.

Im Zuge der globalen Finanzmarktkrise, in der auch fundamentale Kritik an den Strategien mancher Unternehmen geäußert wurde, sind die Besonderheiten von genossenschaftlichen Unternehmen wieder stärker bekanntgeworden. Und das ist zu begrüßen. So zeichnen sich Genossenschaften vor allem dadurch aus, dass es sich um private Organisationen der Selbsthilfe handelt. In Angelegenheiten, die Menschen oder Unternehmen wichtig sind und über die sie Kontrolle behalten möchten, für deren Organisation sie jedoch zu klein sind, rufen sie nicht nach Staat und Unterstützung. Sie tun sich vielmehr zusammen und nehmen die Angelegenheit selbst in die Hand. Sie gründen ein gemeinsames Unternehmen, ihre Genossenschaft. Dieses Unternehmen ist ein „Joint Venture“, es organisiert oder produziert, was die Partner brauchen und zwar direkt auf sie zugeschnitten. So können sie klein und lokal oder regional verankert bleiben und dennoch die Kosten-, Existenz- und Wettbewerbsvorteile wirtschaftlicher Größe erreichen, die durch die Zusammenarbeit entstehen.

Man denke etwa an Handwerksunternehmen, die selbstständig bleiben, aber als Genossenschaft deutlich größere Aufträge erlangen können. Genossenschaften haben also die heute populäre Netzwerksstrategie erfunden: Bist du nicht groß, musst du schlau sein. Schlau sind die genossenschaftlichen Kooperationspartner, denn sie sind auch die Interessenten für jene Leistungen, die ihre Genossenschaft organisiert – und sie entscheiden über die strategischen Weichenstellungen, womit sie von ihren Entscheidungen selbst betroffen werden. Jeder Partner hat übrigens unabhängig von seinen Anteilen eine Stimme.

Was das Unternehmen erwirtschaftet, fließt den Mitgliedern auf drei Wegen zu: Erstens über die Konditionen und Qualitätsstandards der Leistungen, zweitens über die Verzinsung der Geschäftsanteile und drittens über die Investitionen in die Genossenschaft. So werden Werte für die Mitglieder geschaffen, die sonst nicht entstehen oder anderen Personenkreisen zugutekommen würden. Ein langfristiger „MemberValue“ ersetzt einen ShareholderValue, der isoliert auf die kurzfristige Verzinsung von Investments abstellt.

Genossenschaften sind also realwirtschaftlich verankert und nicht finanzmarktgetrieben, was gerade in der Wirtschafts- und Finanzkrise sehr positiv zu bewerten ist. Weil Genossenschaftsanteile auf Finanzmärkten nicht handelbar sind, wird verhindert, dass isolierte Investoreninteressen unternehmerische Entscheidungen dominieren und dass Genossenschaften feindlich übernommen werden können.

Genossenschaften müssen auch Gewinne erwirtschaften. Doch wie sie entstehen, verwendet werden und an wen sie fließen – dies unterscheidet Genossenschaften von vielen anderen Unternehmen. Diese genossenschaftlichen Besonderheiten können nicht nur einzelnen Personen und Unternehmen Perspektiven ermöglichen, sondern indem dies geschieht, können zusätzlich Lebens- und Wirtschaftsräume aufgewertet oder erhalten werden: Wertschöpfung, Wettbewerb, Arbeits- und Ausbildungsplätze, Standorteffekte, Lebensqualität. Genossenschaften sind überlegene Organisationen für bestimmte Rahmenbedingungen und Zielsetzungen, doch sind sie keine „Rundum-Problemlöser“. Das war aber auch nie ihr Anspruch.

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